Mehr Mut zu weiblicher Wut
Der Begriff female rage taucht gerade überall in den Sozialen Medien, in Büchern und Artikeln auf – und zwar nicht nur in Deutschland. Um nur wenige Beispiele zu nennen: Die Kolumnistin Tara-Louise Wittwer, die Journalistin Ciani-Sophia Hoeder und die US-amerikanische Autorin und Journalistin Soraya Chemaly schreiben darüber. Aber im Grunde ist female rage nicht neu.
Wütende Frauen gab es in jeder feministischen Welle: Die Suffragettenbewegung protestierte Anfang des 20. Jahrhunderts mit Hungerstreiks und Sachbeschädigung für das Wahlrecht von Frauen. In den 1960er- und 1970er-Jahren drückten viele Feministinnen in der BRD ihre Empörung über die männliche Dominanz in linken Kreisen aus, so etwa Sigrid Rüger mit ihrem berühmten Tomatenwurf auf den Vorstand des Sozialistischen Studentenbundes.
Und warum hat weibliche Wut heute wieder Konjunktur? Die Gesellschaft wird konservativer und sogar rechtes Gedankengut wieder gesellschaftsfähig. Feministische Errungenschaften, die hart erkämpft wurden, drohen wieder zu verschwinden. Dadurch wird die Welt ungerechter und gefährlicher für Frauen. Misogynie und Gewalt gegen Frauen nehmen wieder zu. Seit Trumps Amtsantritt fahren viele US-Unternehmen ihre Gleichstellungsbemühungen zurück – und einflussreiche Unternehmer wie Mark Zuckerberg fordern inzwischen offen eine Rückkehr zu „maskuliner Energie“ in ihren Firmen. Kein Wunder also, dass viele Frauen wütend sind.
Auch am Arbeitsplatz haben Frauen allen Grund, wütend zu sein: Sie verdienen im Durchschnitt noch immer weniger als Männer für vergleichbare Arbeit, werden häufiger bei Beförderungen übergangen, leisten mehr unbezahlte Sorgearbeit und müssen durch Elternzeit berufliche Rückschläge in Kauf nehmen. Zudem erleben sie nach wie vor sexistische Bemerkungen oder sogar Übergriffe am Arbeitsplatz.
Female rage ist auch eine Gegenbewegung zu den wütenden Männlichkeitsbewegungen der sogenannten manosphere – einem losen internationalen Netzwerk aus Online-Communitys, in denen sich Männer über traditionelle Geschlechterrollen, Männlichkeit und häufig auch frauenfeindliche Ansichten austauschen. Sie umfasst Gruppen wie Incels, Men’s Rights Activists, Pick-Up-Artists und die Red-Pill-Cyberkultur mit den bekannten Vertretern Andrew Tate oder Karl Ess. Auch in Deutschland verbreiten immer mehr frauenfeindliche „Dating-Coaches“ ihre Inhalte.
Der US-Journalist Joseph Bernstein untersucht, wie die manosphere über ihre digitalen Ursprünge hinaus in die Mainstream-Politik und -Kultur vorgedrungen ist. Er erklärt, dass die Mitglieder der Community glauben, der Feminismus dominiere die Gesellschaft und unterdrücke Männer und ihre männliche Identität. Bernstein sieht also einen Kreislauf männlicher Revanche gegen aufeinanderfolgende Wellen des Feminismus. Auch Hoeder sagt, dass der Wille, die Wut von Frauen zu kontrollieren, von der Angst vor Rache und vor echter Gleichbehandlung herrührt.
Das Gegenstück zu diesen lauten Online-Communitys sind wütende Frauen, die mutiger werden, ihrem Ärger öffentlich Luft zu machen. Auch in der Popkultur ist female rage angekommen: Taylor Swift, eine der kommerziell erfolgreichsten Musikerinnen, fordert auf ihrem Album The Tortured Poets Department, die verwurzelten Vorurteile gegenüber weiblicher Wut neu zu betrachten. Female Rage – The Musical nennt sie das Set auf der Konzertbühne und prangert dort unter anderem Doppelstandards an: „A man is allowed to react, a woman can only over-react.“
Anstoß durch Ärger
Wut ist eine kraftvolle Emotion, die politisch bewegen kann. Frauen sollten ihrem Ärger öfter freien Lauf lassen. Das zeigt das Beispiel der Linken-Bundestagsabgeordneten Heidi Reichinnek mit ihrer zornigen Rede im Bundestag nach Merz’ Inkaufnahme der AfD-Zustimmung über Migration. Das Video ihres Auftritts verbreitete sich rasant in den sozialen Netzwerken und wurde millionenfach geteilt. Je mehr Frauen öffentlich zornig sind, desto mehr durchbrechen sie das stereotype Bild der verständnisvollen oder moderaten Frau – und bleiben in Erinnerung. Und das ist wichtig, um Missstände zu beseitigen.
„Ich plädiere für eine revolutionäre Wut-Katharsis“, schreibt Hoeder. Für sie sei es wichtig, dass Wut von ihrem schmuddeligen Image befreit wird, damit sie wirksam sein kann. Ein genauer Blick in die Geschichte zeigt, wie revolutionär weibliche Wut wirken kann – auch wenn die Wut später häufig aus den Narrativen verschwand.
Die Geschichte von Rosa Parks zum Beispiel, die sich 1955 weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast freizugeben, wird meist so erzählt, dass Parks an dem Tag müde gewesen sei. Aber eigentlich war sie bereits vorher eine Bürgerrechtsaktivistin, die genug davon hatte, diskriminiert zu werden. Ihr wütendes Aufbegehren gegen die rassistischen US-Gesetze gilt als einer der Anfänge der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Ein halbes Jahrhundert später führte die Wut der US-amerikanischen Menschenrechtsaktivistin Tarana Burkes über sexualisierte Gewalt, besonders an Schwarzen Mädchen, zum Aufbau des weltweiten Empowerment-Netzwerks für Betroffene und der #MeToo-Bewegung. Ihre Wut hat zu einem riesigen und machtvollen Diskurs über sexualisierte Gewalt geführt.
Wütende Frauen, die sich zusammentun, können nicht mehr als hysterische Einzelfälle ignoriert werden. Viele wütende Frauen können mehr bewegen als eine einzelne wütende Frau.
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Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel für Neue Narrative. Den kompletten Artikel gibt es hier.