Der Sinn des Sinnbefreiten
Wenn man moderne Großstadtmenschen nach ihrem größten Problem im Alltag fragt, antworten sie in den meisten Fällen wie aus der Pistole geschossen: „Ich habe zu wenig Zeit.“ Karriere, Workout, Selbstverwirklichung, Familie – wie soll man das nur alles in 24 Stunden quetschen? Angesichts dieser Zwickmühle ist es kein Wunder, dass viele von uns sich abstrampeln in dem Versuch, jedes Minütchen der knappen Zeit sinnvoll zu nutzen. Doch dabei bleibt häufig etwas Entscheidendes auf der Strecke: das sinnfreie Tun, das Nichtstun.
In der Antike galt die vita contemplativa als erstrebenswertes Gegenstück zur Plackerei. „Das Leben in Muße ist der Arbeit vorzuziehen“, sagt Aristoteles in seiner Politik. Doch mit dem Christentum wurde mit dem Sinnspruch ora et labora (lat.: bete und arbeite) der fleißige, arbeitsame Mensch zum Ideal erhoben. Heute ist die Arbeit ins Zentrum unseres Lebens geraten, die Grenzen von Beruf und Privatleben lösen sich auf. Das Smartphone ist immer dabei, wir lesen berufliche E-Mails rund um die Uhr. Und auch in unsere Freizeit wollen wir so viel vermeintlich Sinnvolles wie möglich quetschen. Immer mehr trendige Freizeitaktivitäten sind mit einem bestimmten Zweck verbunden oder haben etwas mit Selbstoptimierung zu tun. Bootcamps, Body Shaping, Low Carb oder Clean Eating sind da nur einige der Stichworte.
Heute soll jeder sein Hobby zum Beruf machen oder zumindest monetarisieren. Was früher Basteln, Handarbeit und Tüfteln zum Selbstzweck war, heißt heute Do It Yourself, und die hergestellten Produkte werden am Ende bei Etsy verkauft. Damit sind die produktiv-gestalterischen Hobbys also de facto auch Arbeit, nur als Muße verkleidet.
Und was haben wir davon? Vor lauter Fixierung auf die produktive Nutzung unserer Zeit verlieren wir den Spaß an der Sache, leiden unter immer mehr Stress- und Erschöpfungszuständen. Das Schlimmste jedoch ist, dass es in dieser durchgetakteten Welt kaum noch Platz für kontemplative Momente gibt, die wir aber brauchen, um Problemlösungen und kreative Einfällen zu entwickeln. Die Worte Muße/Müßiggang und das lateinische meditari (Nachsinnen) sowie das griechische medesthai (überlegen/bedacht sein) haben dieselbe indogermanische Wortherkunft. Zufall? Nein, denn daraus lässt sich ableiten, dass man, um zu Sinn zu gelangen, erst einmal sinnbefreite Zeit, die Muße, benötigt, die keinem Zweck außer ihrer selbst folgt.
Offenbar ist Müßiggang heute eine verschüttgegangene Kulturtechnik, die viele arbeitswütige Menschen erst wieder neu erlernen müssen. Das geht am besten, indem wir uns bewusst eine Freizeitbeschäftigung suchen, die weder der Selbstoptimierung dient noch einen konkreten ökonomischen Nutzen besitzt. Ein paar Anregungen gefällig? Es folgen drei.
Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel für Neue Narrative. Den kompletten Artikel gibt es hier.