Eine ostdeutsche Herkunft darf kein Nachteil sein

Ich wurde 1984 in Ost-Berlin geboren. Als ich 2022 bei dem Magazin Neue Narrative anfing, trafen wir uns in Brandenburg zum Teamtag. Bei einem Spiel am Lagerfeuer erwähnte ich das Geschichtenlieder-Album Der Traumzauberbaum, das in meiner Kindheit im Osten jede*r kannte. Doch aus der Kolleg*innen-Runde guckten mich alle mit fragenden Blicken an – außer mir kam niemand aus einem ostdeutschen Bundesland. Und ich merke in Gesprächen ab und an, dass ich mich mit meiner Perspektive auf manche Dinge ziemlich allein fühle, zum Beispiel wenn irgendwo über die deutsche Geschichte gesprochen wird und damit automatisch die BRD-Geschichte gemeint ist. 

Dass Ostdeutsche in wichtigen Positionen in deutschen Unternehmen fehlen und von manchen Karrieren ausgeschlossen sind, ist kein individuelles, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem, das immer noch gern übersehen oder gar nicht erst thematisiert wird. Ein Grund ist der Glaube an die Leistungsgesellschaft, obwohl wir längst wissen, dass Karrierechancen maßgeblich von der sozialen Herkunft und Privilegien abhängen. Doch die innerdeutsche Herkunft ist ein oft vergessener Faktor in der Debatte um Chancengleichheit. Auch 35 Jahre nach der Wende haben Menschen aus und in ostdeutschen Bundesländern deutlich schlechtere Chancen auf eine klassische Karriere und beruflichen Erfolg als Westdeutsche.

Schieflagen zwischen Ost und West

Das fängt bei den Gehältern an: Vollzeitbeschäftigte verdienten 2024 im Osten Deutschlands 21 Prozent weniger als im Westen, also fast 13.000 Euro im Jahr. Der Germanistikprofessor und Publizist Dirk Oschmann bezeichnet diesen Unterschied als geographical pay gap und macht auf die Langzeitfolgen dieses Gefälles aufmerksam – unter anderem niedrigere Renten und ein geringeres Vermögen.

Weiterhin zeigt eine Studie der Universität Leipzig, dass Ostdeutsche bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil in Führungs- und Spitzenpositionen stark unterrepräsentiert sind – und zwar nicht nur im gesamtdeutschen Kontext, sondern sogar in den in Ostdeutschland ansässigen Firmen. Insgesamt beträgt der Anteil Ostdeutscher bei Spitzenpositionen in Wissenschaft, Verwaltung, Medien und Wirtschaft durchschnittlich gerade mal 1,7 Prozent.

Wie kann es sein, dass wir es nicht schaffen, diese geografische Lücke zu schließen, selbst in der jüngeren Generation, die im selben gesamtdeutschen System groß geworden ist wie ihre westdeutschen Altersgenossen? Es liegt unter anderem an unterschiedlichen finanziellen Voraussetzungen, fehlendem sozialem und ökonomischem Kapital und hartnäckigen Vorurteilen.

  1. Ostdeutsche werden häufig klischeehaft als unzufriedene, rückständige Jammerer gesehen, die eine höhere Affinität zu Rechtspopulismus haben. Außerdem wird ihnen oft eine minderwertige Bildung und Faulheit unterstellt.

  2. Die Voraussetzung für einen beruflichen Aufstieg, vor allem in leitenden Positionen, ist soziales und ökonomisches Kapital. Und 95 Prozent der einkommensreichen Deutschen kommen aus den alten Bundesländern. In der DDR war es nicht möglich, Kapital anzuhäufen, weil Betriebe in staatlichem Eigentum waren und Privateigentum nur begrenzt zugelassen war, Aktienkäufe verboten waren und Immobilien nur zum Eigengebrauch dienten. Das bedeutet, viele ehemalige DDR-Bürger*innen haben weniger zu vererben und kein Kapital, um studierende Kinder zu unterhalten oder ihnen etwas für eine Firmengründung vorzuschießen.

  3. Spitzenpositionen werden größtenteils in eigenen Netzwerken nach dem Prinzip der Ähnlichkeit besetzt, sprich: Westdeutsche wählen eher andere Westdeutsche als Nachfolger*innen. Das ist nicht nur in Deutschland so. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat bereits in den 1970er-Jahren in seiner Habitusforschung für alle Bereiche der Gesellschaft beschrieben, wie Eliten sich aus sich selbst rekrutieren. Genau das passiert seit der Wende in Ostdeutschland.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel für Neue Narrative. Den kompletten Artikel gibt es hier.

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