Die Macht der Tabus
Sag mal, leidest du unter Hämorrhoiden oder Inkontinenz? War dir diese Frage jetzt zu direkt? Wir fühlen uns schnell unangenehm berührt, wenn gesellschaftliche Tabuthemen angesprochen werden. Dabei ist es statistisch gesehen gar nicht so unwahrscheinlich, dass dich eines der beiden Leiden gerade plagt und du dich schon länger jemandem anvertrauen möchtest. Vielen Menschen geht es wie dir, aber kaum jemand redet darüber. Manche Themen sind einfach tabu. Warum weiß niemand so genau. Ist eben so. Ein Tabu zu brechen, ist heikel. Immerhin stellt man sich gegen ein ganzes Kollektiv von Tabubewahrer*innen. Wir befürchten, ausgegrenzt zu werden, wenn wir sensible Themen ansprechen, und werden durch Schamgefühle gehemmt. Doch genau das muss manchmal passieren, denn nicht alle Tabus haben (noch) eine Daseinsberechtigung, zum Beispiel bei so natürlichen Phänomenen wie Muskelschwächen in der Beckenregion.
Das Wort Tabu fand seinen Weg in unseren Wortschatz über die Logbucheinträge des Südseefahrers James Cook, der das Wort tapu um das Jahr 1777 in Polynesien aufgriff. Er notierte, dass die Bewohner*innen mit dem Begriff alles beschrieben, was im sakralen Sinn verboten war zu tun, zu sehen oder zu berühren. Tapu setzt sich zusammen aus den Silben „ta“ (= kennzeichnen) und „pu“ (= außerordentlich/kräftig): Es bezeichnet also „das kräftig Markierte“.
Jahrhundertelang untersuchten Tabuforscher*innen es rein als Merkmal von sogenannten „Naturvölkern“, bis der Psychologe Sigmund Freud schließlich mit Totem und Tabu im Jahr 1913 einen Schlüsseltext dazu veröffentlichte. Zwar sind viele seiner Thesen heute umstritten, doch die Grunderkenntnis bleibt: Tabus gibt es in allen Gesellschaften. Laut Psychoanalytiker Hartmut Kraft sind sie Meidungsgebote, die kulturelle Regelungs- und Schutzfunktionen haben und der Sicherung einer Wertegemeinschaft dienen. Im Gegensatz zu gesetzlich verankerten Verboten seien Tabus implizite und ungeschriebene Gesetze. Sie manifestieren sich vor allem in der Kindheit durch Sätze wie: „Das macht man nicht“ oder „Darüber spricht man nicht“.
Wenn Tabugrenzen überschritten werden, droht zwar keine Gefängnisstrafe, aber häufig soziale Sanktionen. Je nach Tabu kann der (symbolische) Ausschluss aus der Gesellschaft erfolgen, zum Beispiel in Form von Kündigung oder Verstoßes aus der Familie. Einem unvorsichtigen Tabubrecher in der Geschichte wurde die Nichtbeachtung fremder Meidungsgebote zum fatalen Verhängnis. Ausgerechnet eben jener James Cook, dem wir das Wort Tabu in unseren Wörterbüchern verdanken, wurde 1779 von Südseebewohnern erschlagen, nachdem er ihre Ritualvorschriften missachtet hatte.
Tabus befinden sich im ständigen Wandel und sind von Kultur zu Kultur verschieden. Sie entstehen oft in Zeiten des Umbruchs, wenn Gesellschaften ihre moralischen Werte überprüfen, zum Beispiel die relativ jungen Sprachtabus im Zuge der Political Correctness. Wir verbannen Begriffe aus der Kolonialzeit oder dem Nationalsozialismus aus unserem Vokabular, um Diskriminierung zu beseitigen und Inklusion zu fördern.
Andere Tabuthemen sind Überbleibsel längst überholter Zeiten. Dass etwa über Sexualität – insbesondere die nicht-normative – immer noch wenig gesprochen wird, verdanken wir größtenteils den Ausführungen über Sünden in der Bibel, einem einflussreichen Buch, das vor über 2.000 Jahren geschrieben wurde. Es ist erstaunlich, dass sich ein solches Tabu bis heute hält. Manchmal führt ein Schweigegebot so weit, dass es Menschen unterdrückt oder ausgrenzt. Zwei Beispiele dafür sind psychische Erkrankungen und Suizid: Kollektives Schweigen führt dazu, dass Betroffene keine Unterstützung suchen können und sich womöglich ausgegrenzt fühlen. Oder nehmen wir den weiblichen Körper, der in patriarchalen Strukturen tabuisiert und damit unterdrückt wird: So ist das Menstruationsblut aus der Öffentlichkeit größtenteils verbannt. Aus der Fernsehwerbung von Damenbinden kennt man es nur als eine reine blaue Flüssigkeit (Anmerkung: Das hat sich seit Veröffentlichung des Textes glücklicherweise geändert).
Um solche Zwänge abzuschaffen und einen Diskurs über die herrschenden Moralvorstellungen zu ermöglichen, ist es manchmal nötig, Tabus zu brechen. Ursprungsmythen, Märchen und die Künste wimmeln nur so von Tabubrecher*innen: Adam und Eva essen den verbotenen Apfel und werden aus dem Paradies vertrieben. Allerdings kann die Erkenntnis von Gut und Böse, die sie durch den Biss in die Frucht erlangen, auch als riesiger Entwicklungsschritt gewertet werden. Enttabuisierungen finden oft auch in sozialen Bewegungen oder Revolutionen statt. Die 1968er-Bewegung hat sowohl die Befreiung von sexuellen Tabus losgetreten als auch das Schweigen über die Naziverbrechen der Elterngeneration gebrochen, womit die Aufarbeitung der Schuld in der BRD angestoßen werden konnte. Wir sehen, Tabubrechen kann richtig und notwendig sein. Also: Ran ans Eingemachte!
Dieser Text ist ein Auszug aus einem Guide zum Tabubruch am Arbeitsplatz in Neue Narrative. Den Guide in voller Länge gibt es hier.